Ich las die Briefe aus dem einzigen Grund nochmals, um Euch nicht etwas doppelt zu erzählen...

...war erstaunt über den Detailreichtum und etwas entsetzt,

da ich mich fragte, was ich nun in diesen Brief schreiben soll...

Caretta caretta, where are you

Caretta caretta ist ausgelesen und die Vollmondnacht war ein voller Erfolg,

ich hatte meine Begegnung mit ihr - der weiblichen Adulten

direkt bei der Eiablage

und ich konnte ein Ei nach dem anderen ins Nest fallen sehen

danach machte sie ihre Camouflage

bei der sie wie wild mit Sand um sich wirft

und das Nest tarnt

danach hat man wirklich keine Ahnung

wo es ist...

wären da nicht ihre Spuren

aus dem Meer

und wieder zurück...

Das Leben nahm seinen Lauf!

Ein Lauf, der uns unbarmherzig und mit voller Kraft mitzieht, ganz gleichgültig

dem gegenüber, was jeder aus diesem Rennen des Lebens macht.


Dieses Rennen ist menschenumfassend und findet weltweit statt.

Ob in Japan,

Ecuador, den USA oder Österreich,

jeder Einzelne muss auf irgendeine Art und

Weise das Leben bewältigen,

muss vorerst versuchen, den immerwährenden

Rückenwinden zu entkommen,

um einen Schritt beiseite machen zu können,

um

seitlich das Geschehen mit Bedacht beoabachten zu können,

um sich zu fragen,

was man hier in diesem Leben eigentlich für eine Rolle spiele...


Doch genau dieser Seitenschritt,

diese Gedanken, Fragen und Merkwürdigkeiten

lassen viele Menschen zuweilen lange neben der eigentlichen Rennbahn stehen.

Zwar vor Augen, aber ohne es zu begreifen, rennt das Leben Runde um Runde

und die Zeit steht mit ihrer Stoppuhr daneben und lässt vierundzwanzig Stunden

am Stück laufen....

Nun gut,

unser gemeinsames Kind hier ist eines dieser Menschenkinder,

das viel

außerhalb der Laufstrecke steht, um zu beobachten,

auch um zu verabscheuen,

denn nichts

kann es so sehr hassen, wie einen anderen Menschen.

Doch dem Kind war es stets von größter Freude, Menschentypen

aus der ganzen Rennerei herauszuzeichnen,

um

jeden Strich bei den Betroffenen selbst

behutsam abzuholen

- und zwar ganz einfach -

indem es an der Seitenlinie

mit ihnen redete,

sie ausfragte,

Reaktionen hervorkitzelte,

sich ihnen stellte.

Das Leben rennt also seine Runden,

unser Kind steht nebst der Rennbahn,

überlegt

ob es

mitrennen solle

wieder mitrennen solle?

...

Warum nicht, und es springt auf die Bahn und läuft los!

Los so schnell es kann und irgendetwas ist in Sicht,

irgendetwas scheint zu rufen - ein Ziel, ein Mensch?

Es läuft und läuft, nur scheint es so, als würde es verharren,

nicht von der Stelle kommen,

die Rufe werden leiser...

Nein, kann es sein?,

dass es statt geradhin zum Glück,

die physikalischen Gesetze biegt

und rückwärts sich bewegt

in einer Vorwärtsbewegung?

Nun also stellte sich unser kleines Kind

dann doch lieber wieder nebst der Rennbahn hin.

Sekunden, Minuten, Stunden, Tage, Wochen, Monate, Jahre,

ja sogar Jahrzehnte vergingen,

als ein Gedanke kam, der scheinbar alles veränderte.

Also schüttelte das Kindlein alle Apathie vom Leibe

und rannte los, mit voller Wucht,

rein in den Lauf des Lebens!

& eine Zeit lang lief es gut mit.

Ein spezieller Genuss waren die Abendstunden.

Verflüchtigende,

aber wunderschönen Augenblicke

der innerlichen Ekstase und

der Offenheit für jene Kraft,

die da wäre,

um uns aufzuzeigen,

wie viel wir auf der Welt

eigentlich bedeuten könnten...

-

wir - als Gotteskinder.

Doch schon die Götter tranken

und gaben sich Launen,

gaben sich gewöhnlicher Trägheit hin.

Warum sollte von uns anderes erwartet werden?


So gibt es Kinder in der Welt,

die nie richtig zufrieden mit sich sind.

So gibt es Kinder in der Welt,

die nie richtig zufrieden mit anderen sind.

So gibt es Kinder in der Welt,

die nie richtig zufrieden mit beidem sind.

Gnadenlos schnell

können schöne Gefühle

in tiefe Abgründe rutschen,

um als dreckige und hässliche

wieder hervorzukriechen.

Sie sind eins...


Entsetzt und voll von Ekel,

rücksichtslose Menschenmassen,

harsche Fakten und Tatsachen,

rüttelten unser Kind erneut.

So stellte es sich lieber wieder

neben die Rennbahn hin

und schmollte!

Es wollte diese Mitlaufenden

nicht länger ertragen.

Das sind doch alles nur

stumpfsinnige, verabscheuungswürdige Personen,

Freund und Feind,

alle gleich!

Doch im gleich nächsten Augenblick,

quasi ein Gedanke später,

wollte unser Kind doch zeigen,

was für ein guter Mensch es sein kann.

Und ab und an

vernahm es einen Ruf

von der Rennbahn her

scheinbar von anderen Personen entdeckt,

Sirenenrufe?

Sie gaben dem Kind doch nie die erhoffte Befriedigung...

Es wollte sich doch einfach nur nicht so einsam fühlen...


Doch das Kind wusste um diese Pein,

es wusste,

dass Einsamkeit

sowohl Feind

als auch Freund sein kann.

Es konnte nicht mit ihr

aber auch nicht ohne sie

leben,

es wusste...

Dieser Riss schien unzunähbar

war er doch so nahbar.

Sollte es doch wieder mitlaufen?

Unser Kind befand sich in einem innerlichen Streit

und machte sich verrückt,

es bewegte sich nichts,

es machte sich immer wieder viele Vorwürfe deswegen.

Es wollte seine Seele, sein Wesen

nicht ständig hinterfragen,

auf ein Neues hinterfragen.

Wusste es doch von vielen Vorzügen seiner Selbst!

Doch all dies half nichts!

...

Die Kritisierung seiner Selbst nahm Tag für Tag zu,

als es nun neben dieser Rennbahn des Lebens stand.

Es wusste um die Gefährlichkeit zu lang außerhalb zu stehen.

Wünsche, Triebe und Verlangen wollten nämlich auf der Stelle getilgt werden,

und das Kind kannte Wege,

auch außerhalb der eigentlichen Rennbahn,

all dies Gelüste zu befriedigen, zu tilgen.

Plötzlich, auf einmal, wieder dieser eine Satz!

- ohne Fleiß, kein Preis -

Und das Kind wusste um sein tierisches Verhalten,

sich all Sünde, all Zweifel und Zeit einfach so wegzuhauchen,

als gebe es kein Morgen...

An Gestern wollte es zumeist nicht denken,

was dem Kind auch sehr gut gelang,

Erinnerungen,

mehr nicht.

Aber dieses eine wusste es

es wird etwas kommen,

und daher halte nicht fest an dem,

was einmal war.

Sonst verpasst Du vielleicht noch die Ausfahrt in eine neue Welt...


Statt dem Tierischen musste etwas Göttliches her,

ein Leben großer Einfachheit,

asketischer Ekstase!

Und die Zeit lässt einfach ihre Stoppuhr fallen...

Hilfe von anderen ward nicht zu erwarten...

...

Das kleine Kind wusste nun wieder ein wenig mehr über sich,

es hatte doch schon einiges mitgenommen vom Leben

und sich ein klein wenig Geist erworben,

doch ein langer und steiniger Weg lag voran.

Das Ziel unerreichbar,

doch wunderschön..

Es ist nun an der Zeit dieses etwas zu finden,

was unser Kind richtig glücklich macht,

wie dem Hunde sein Gassigehen

und der Katze ihr Wollknäuel.

Etwas, was tief in jeder Kreatur steckt,

ein Trieb,

ein Verlangen nach simpler Einfachheit - mehr nicht!

...

Mehr werd ich hier nicht schreiben,

weil sonst bekommst Du diesen Text nie,

ich hätte noch einiges zu schreiben,

doch einen roten Faden

möcht ich entwickeln.

Es ist schon ein wenig Fortschritt zu sehen,

wenn ich ein Kind neben einer Rennbahn stehen lasse.

Ich möchte lernen,

von schönen Dingen,

persönlichen Gefühlen

und spannenden Ereignissen

zu schreiben...

- all das in einem goldenen Rahmen -

der nur so vor Details strotzt!

Vielleicht hilft mir dies ein wenig,

die Zeit wieder leiden zu können.

TRÄUME

Schweren Herzens

aufgewacht

heimgesucht

suche Heim

suche Dein Herz

in dieser lärmenden Stille...

Kannst Du ertragen?

trage ich, trägst Du

wiederholender Schmerz

kraftlose Liebe?

Kraftvoll, voll Kraft

loderndes Feuer

erstickender, tiefschwarzer Schnee

schmelze dahin

lass frei sein!

zweier Seelen...

ALLEINE

Der Ludwig Hirsch

der hat a Liad gschriebn

das is ihm immer

im Kopfe geblieben.

Der Dorftrottel wars

so hats geheißen!

Das wird ihm immer

ein Loch ins Herz reißen.

Da sitzt er im Birkenwald

denkt an den Peterle

ein Schädelbasisbruch

so dacht er

nahms ein End.

Die Mörder fielen auf die Knie

ham zum Himmel aufegflennt.

Ja die Melancholie

in der geht er auf

Alleine sitzt er da

raucht Cig

und sauft seinen Kaffee aus...

FACHSIMPELEI

Ich danke Dir für die Beschreibung unseres 'Meisenvorhabens',

wenn Du mir das so detailliert schilderst,

dann lerne ich das extrem schnell

& das ist auch gut so!

Jetzt muss ich die Vögel nur noch dem Kollegen abknöpfen,

vielleicht sogar schon morgen!

Dann komme ich im Februar zu Dir

und wir beginnen mit unserer Arbeit!

Ich bin schon gespannt auf den Trilobitenartikel,

aber wenn Du mir mit der Hummel kommst,

muss ich Dir da meine Ansicht näher bringen...

Denn auch ich hatte von dem Paper gehört

welches besagt,

dass Hummeln, physikalisch gemessen,

eigentlich gar nicht fliegen dürften!

So habe ich auf der Uni nachgefragt...

Angeblich hat ein Physiker dieses Paper herausgebracht,

nur um ein wenig Aufmerksamkeit zu erregen,

ohne dabei alle Faktoren zu berücksichtigen...


Denn mit den Parametern seiner Studie

wäre es der Hummel tatsächlich nicht möglich zu fliegen!

Das stimmt schon,

aber er hat eben auch Wesentliches außer Acht,

absichtlich unbeachtet gelassen...

Was genau das war, weiß ich leider nicht,

da ich Paper und Kritikpaper nicht gelesen habe.


Aber laut den Professor*innen,

ein klarer Fall von Populismis und
Pop-Wissenschaft...

Und mir fällt diese eine Textstelle ein!

Aus der Poesie der

Einstürzenden Neubauten...

They have proven quite effectively

that bumblebees

indeed

can fly

against the field's authority

...

Was wohl wir Menschen alles könnten? - against the field`s authority.

...



Ein paar Infos zur Barberfalle schulde ich Dir auch noch!

Gefangen werden speziell epigäische Arthropoden,

mit hoher lokomotorischer Aktivität,

eine Auswertung der fallengängigen Arten am Fangort

erfolgt in der sog. Aktivitätsdichte in %.

Diese zeigt die Anzahl gefangener

Tiere in einer bestimmten Zeit an.

Verwendet werden Plastikbecher (Joghurt)

gefüllt mit Ethylenglykol,

einer sehr langsam verdampfenden Konservierungsflüssigkeit.

Um größere Verunreinigungen zu verhindern,

werden die Apparaturen mit einem Metalldach abgedeckt,

welches vor allem als Schutz vor Niederschlägen

und Windeinwirkung dient.

wittinghausen

A Viennese biologist, musician, writer and photographer

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Über wittinghausen

Ein Wiener Biologe, Musiker und Fotograf, der seine dunklen Emotionen in Musik und Bildern einfängt.

A moody portrait of a man with a camera in a dimly lit natural setting.
A moody portrait of a man with a camera in a dimly lit natural setting.
Tiefgründig und berührend.

Anna K.

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